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CREDO Hamburger Kinder- und Jugendtheater
Publikation, 1997

Gedanken zur Entwicklung der Kinderkultur in Hamburg
Publikation, 2001



CREDO Hamburger Kinder- und Jugendtheater, 1997

1. Wir glauben an die Notwendigkeit eines kontinuierlichen kulturellen Angebotes für Hamburger Kinder und Jugendliche.

Kindertheater ist Teil einer Angebotsstruktur für Kinder, die erst notwendig geworden ist und so stark nachgefragt wird, weil den Kindern andere, teurere Ressourcen nicht mehr zur Verfügung stehen.
Natur, Grundstücke und Zeit sind es, die heute wirklich Geld kosten, zuviel Geld für Kinder. Da ist unter anderem Kindertheater schon eher bezahlbar. Seine Verbreitung verdankt es also, auch wenn es aus denselben Gründen immer noch mangelhaft gefördert wird, paradoxerweise gerade einer strukturell kinderfeindlichen Gesellschaft.

2. Wir glauben an einen Bedarf an Kinder- und Jugendtheater.

Eigentlich spielen Kinder ihr Theater selbst, schlüpfen in Rollen, um sich auszuprobieren und Handlungsstrategien zu erproben.
Im Theater spielen die Kinder nur scheinbar nicht mit. Sie leben aber mit den handelnden Figuren und sie beobachten und deuten die Dinge und ihre Darstellung genau. Kinder sind als Weltneulinge dabei, ein Bild von der Welt zu entwickeln, und dies gelingt ihnen, sobald sie nicht mehr automatisch auf ihre Umwelt reagieren, sondern Dinge und Handlungen als Zeichen wahrnehmen und interpretieren.

3.Wir glauben, daß dem Kinder- und Jugendtheater bei der Gestaltung eines Dialogs zwischen den Generationen eine tragende Rolle zukommt.

Theater schafft Möglichkeitswelten, denn es ist wirklich. Die Lebendigkeit des Mediums liegt in der Begegnung von Menschen. Dieses "Sekundärmerkmal" gut gemachten Theaters macht eine der Hauptqualitäten des Kindertheaters aus.
Die Vertreter des Kindertheaters und die für die Kinder- und Jugendkultur Verantwortlichen der Stadt müssen sich darüber im Klaren sein, daß sie dem kindlichen Zuschauer durch ein Theaterstück ein "öffentliches Kindheitsbild" spiegeln.
In der Auseinandersetzung mit diesem Spiegelbild liegt die Chance, die genutzt werden muß.

4. Wir glauben, daß das Kinder- und Jugendtheater in Hamburg in traditionellen Mustern zu erstarren droht.

Hamburg ist die Stadt, in der Carl Alfred Görner im letzten Jahrhundert das Kindertheater als Weihnachtstradition installierte: üppig ausgestattete, lehrreiche Singspiele in märchenhafter Form. Diese Tradition wird durch subventionierte Privat- und Staatstheater bis heute festgeschrieben.
Neues brachten nach 1968 das "Theater für Kinder" und das "Klecks Theater" nach Hamburg. Ein ganzjähriges Angebot, zunächst mit neuen Stücken vom Grips Theater, entstand und wurde bezuschußt. Heute ist das "Theater für Kinder" für die Inszenierung meist konventioneller Stoffe und Opern bekannt.

5. Wir glauben, daß die Qualität des Kinder- und Jugendtheaters der Stadt nicht allein von der Höhe seiner Subventionierung, oder seiner Wirtschaftlichkeit, oder seiner Professionalität abhängt.

Das "Klecks Theater" blieb bei neuen Stücken, konnte seine Arbeit aber nie auf solide finanzielle Grundlagen stellen. Es ging mit 800.000 DM Gesamtzuschüssen ein. Sein Nachfolger, das JAK, machte gutes Jugendtheater auf einer besseren Basis (1,5 Mio vorwiegend künstlerischer Etat). Es ging auch ein. Kampnagel erhielt einen Teil des künstlerischen JAK-Etats (500.000 DM) zur Weiterführung der Arbeit und droht, mit einzelnen Ausnahmen, wieder beim Weihnachtsangebot zu landen. Dies liest sich wie eine Kette des Reagierens.
Ein differenziertes Fördermodell, das das Kinder- und Jugendtheaterangebot der Stadt in seinen Erscheinungsformen sieht und bedenkt, wird benötigt.

6. Wir glauben an die Vielseitigkeit des Kinder- und Jugendtheaters und seine besondere Aufgabe im künstlerischen Raum.

Kinder- und Jugendtheater ist auch Tanztheater, ist auch Sprech-, Puppen- und Objekttheater, und es ist auch Musiktheater und Kabarett. Es ist dies alles in reiner Form, aber es entstehen zunehmend spartenübergreifende Inszenierungen.
Dem Kindertheater wurde oft gesagt, wie es sein soll. Es solle niedlich sein und den nostalgischen Glauben der Erwachsenen an eine "unbeschwerte Kindheit" stützen; es solle "wichtige" Mitteilungen an Kinder freundlich verpacken, solle Orientierung geben. Eindeutigkeit wird verlangt - und sei es die Eindeutigkeit von "Habt Spaß!" oder "Seid phantasievoll!".
Die Umsetzung dieser eingeschränkten Sicht auf die Zielgruppe wendet sich gegen das Theater selbst.

7. Wir glauben an die Notwendigkeit eines guten mobilen und stationären Kinder- und Jugendtheater Angebotes.

60% des ganzjährigen Kinder- und Jugendtheater-Angebotes in Hamburg wird durch freie Gruppen bestritten. In dem Angebot, das sich ungeschützt auf dem Markt behaupten muß, gibt es Qualitätsunterschiede.
Diese mobilen Produktionen sind kaum öffentlich zu sehen und Vergleiche daher schlecht möglich. Schulen und Kindergärten wählen aus Werbeunterlagen meist pflegeleichte, kostengünstige Produktionen für ihre Einrichtung aus.
Versuche, öffentliche Spielorte und -serien ohne einen künstlerischen Etat oder auf ehrenamtlicher Basis zu installieren, haben trotz Zuschauerzuspruchs kaum eine Chance zur Entwicklung.

8. Wir glauben an die Aufgabe der öffentlichen Medien, durch eine kritische Berichterstattung eine lebendige Kinder- und Jugendtheaterkultur zu fördern.

Die meisten Hamburger Gruppen sind in ihrer Zusammensetzung konstant. Die Theaterleute, die mit wechselnden Spielern arbeiten, haben eine Kontinuität in der Auseinandersetzung mit der Zielgruppe. Eine kritische Begleitung einzelner Gruppen durch die Medien bleibt jedoch Utopie. Anscheinend läßt die Tatsache, daß das ganzjährige kulturelle Angebot für Hamburger Kinder so spärlich ist, die Presse, so sie denn berichtet, das zarte Pflänzchen Kinder- und Jugendtheater schonend pflegen, aus lauter Freude, daß es so etwas überhaupt noch gibt. Und zu Weihnachten kann kein Fachjournalist ernsthaft die Märchen aller festen Häuser besprechen.

9. Wir glauben an eine Verpflichtung der Stadt, innovatives Kinder- und Jugendtheater kontinuierlich und angemessen zu fördern.





Gedanken zur Entwicklung der Kinderkultur in Hamburg, 2001

1. In der Kinderkultur- und Bildungsdebatte können sich durch die Betrachtung eines Krisenszenarios neue Spielräume entfalten.

Eine Bestandsaufnahme zum kinderkulturellen Angebot im Raum Hamburg zeigt: Das Angebot der Vereine und Institutionen, der Museen, Konzert- und Bücherhallen und der Theater für Kinder ist vielfältig.
Es besteht Einigkeit darüber, dass dieses Angebot weiterhin unterstützt werden muss. Nun gilt es, Innovationsschwerpunkte zu setzen und zu finanzieren!
Und doch - niemand will es gerne zugeben: Mit im Raum steht die Angst vor einem anhaltenden Schwinden des Interesses der Kinder und Jugendlichen an diesen Orten und dem, was sie zu bieten haben. Und das ist nicht nur ein Hamburger Phänomen.

Um dem zu begegnen, ist es notwendig, die Frage nach der Entwicklung der öffentlichen Kinderkultur in dieser Stadt mit der derzeitigen Debatte um neue Formen des vorschulischen und schulischen Lernens in der Informations- und Mediengesellschaft zu verknüpfen.

2. Der Wirkung herkömmlicher "Werbung" für Kinderkultur sind Grenzen gesetzt.

Im Bewusstsein der Qualität ihres Angebotes für Kinder scheuen Kulturinstitutionen die Konkurrenz rein kommerzieller Anbieter nicht. Die Museen kosten heute Eintritt, auch Kindertheater ist nicht mehr "umsonst und draußen" zu haben. Selbstverständlich muss sich das entsprechende Angebot im Kanon der öffentlichen Werbung in Erinnerung bringen.
Dennoch: Gerade im Zusammenhang mit der Entwicklung der neuen Medien sind Kinder in den vergangenen zehn Jahren zu einem immer bedeutenderen 'Marktsegment' geworden, das intensiven Werbestrategien von Seiten der Wirtschaft unterliegt. Das hat zur Folge, dass die Einzelinformationen der öffentlichen Kinderkultur bei den MultiplikatorInnen immer häufiger auf Informationsabwehr stoßen. Wegen der Fülle der Eingänge "filtern" die Verteiler der Bildungseinrichtungen teilweise schon persönlich adressierte Programme als 'Werbung' aus. Diese Informationen erreichen die PädagogInnen nicht mehr.
Neben den Anforderungen des Schulalltags wird Kultur zunehmend zur "Last".
Eine kontinuierliche persönliche Kontaktpflege zwischen Kulturschaffenden und Multiplikatoren wird immer notwendiger.

3. Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, Kindern den Zugang zu öffentlicher Kultur zu ermöglichen.

"Die Straße" und ihre Bewohner als Bezugssystem für Kinder gibt es in Hamburg kaum mehr. "Der Spielplatz" ist von den Älteren erobert. Eine Chance zu kultureller Erfahrung in der Öffentlichkeit setzt vielfach die Begleitung Erwachsener voraus. Doch ein Viertel der Kinder Hamburgs lebt (Microzensus 2000) in "Ein-Eltern-Familien", und darüber hinaus sind aufgrund der Berufstätigkeit beider Elternteile heute über die Hälfte der Kinder aus Paarfamilien anderweitig "betreut" oder allein. Das Ausflugsverhalten der Familien wandelt sich mit.
Auch "betreuende" Institutionen stellen mehr und mehr ihre Exkursionen zurück. Die Bewältigung der Wege mit den Kindern erfordert zusätzliche Hilfe, die immer schwerer zu haben ist. Ein besonderes Problem der "verlässlichen Halbtagsgrundschule" ist die Schlussphasenbetreuung durch die LehrerInnen. Ausflüge einzelner Klassen erzeugen hier Lücken oder Mehrarbeit.

In einer Zeit der Mobilität reduziert sich der Aktionsradius jüngerer Kinder immer mehr auf insuläre Räume. Überschaubare Verbindungen gehen dabei verloren. Eine gezielte Strukturförderung ist hier dringend erforderlich.
Kindern darf die Hilfestellung dazu, öffentliche Kulturangebote für sich zu entdecken und zu nutzen, nicht verwehrt werden.

4. Was "Kultur" ist, wird derzeit auch durch die Kinder verändert.

Gerade für Kinder scheint Kultur zunächst aus dem zu bestehen, was verfügbar ist: Was selbst getragen, gesammelt, wieder gehört und gesehen werden kann. Was "alle" kennen und können, darüber kann man sich austauschen. Dabei wird die Gleichaltrigen-Gruppe immer früher zum Kontext, auf den hin Kinder ihren Bedarf an Informationen aus einer Fülle auswählen. Informationen brauchen Erfahrungen, die "Sinn" machen...
Neurobiologen berichten von einem Ansteigen der Reizschwellen unserer Sinne und ihrer Entkoppelung. Sie beobachten schon bei den nach 1969 Geborenen eine Veränderung der Reizverarbeitungsstrategien des Hirns. Kinder, die heute aufwachsen, reagieren nur noch auf starke Eindrücke. Durch das Vermeiden Sinn erzeugender Verknüpfungen steigert das Hirn seine Aufnahmefähigkeit. Das "nicht in Beziehung bringen" bedeutet aber auch, Widersprüchlichem gleiche Wertigkeit zu lassen. Persönliche Entscheidungskriterien zu entwickeln, wird unter diesen Bedingungen immer schwerer. Das könnte heißen, dass der Versuch der Rezeptionsmaximierung und das Phänomen der "Unkonzentriertheit" vieler Kinder der gleichen Quelle entspringen: der Suche nach dem, was "wirklich wichtig" ist.
Dabei stoßen Kinder auf die Produkte der neuen Medien. Hier kann auf 'Anforderungen' aller Art meist eindeutig reagiert werden - die Regeln sind klar. Hier ist nicht mehr ernsthaft damit zu rechnen, in Situationen zu geraten, in denen nicht abgeschätzt werden kann, was der andere von einem erwartet. Im Vergleich mit dieser Erfahrung kann die Erprobung der eigenen Fähigkeiten auf anderen Gebieten schnell als 'Misserfolg' erscheinen.


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